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Global denken, lokal handeln


Ein Kommentar von Bettina Schwarz zu Erfahrungen aus der Corona-Pandemie und den notwendigen Schlüssen, die daraus für die Zukunft im Hinblick auf das Gesundheitssystem gezogen werden sollten.

Kleiner ist sie geworden, unsere Welt. Sicherer wurde sie dafür aber ganz nicht. Nachdem im vergangenen Jahr die Spannungen im Nahen Osten und die zwischen den USA auf der einen und China, sowie dem Iran auf der anderen Seite die Medien bestimmten, sind diese Themen derzeit bestenfalls Nebensache. Ein kleiner Virus hat das Kommando übernommen. Und er legt im wahrsten Sinne des Wortes die Weltwirtschaft nahezu lahm. Dabei ist auch COVID-19 ohne Globalisierung nicht denkbar. Im Land des Wirtschaftsgiganten China erstmals aufgetreten, konnte er die mehrfach täglich verfügbaren Flug- und Schiffsverbindungen nutzen, um sich in noch nie da dagewesener Kürze zur Pandemie auszuweiten.

Ohne Vorbild war auch die Geschwindigkeit, mit der die Staaten ihre Wirtschaft selbst lahmlegten, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Dabei fehlte es dann sehr schnell an essenziellen Gütern – ebenfalls global. Desinfektionsmittel und Schutzausrüstungen waren weltweit nicht mehr zu bekommen, weil ausgerechnet der Hauptproduzent China seine Produktionskapazitäten zunächst stilllegte. Die Produktion läuft zwar jetzt wieder an – aber der Schock sitzt dennoch tief.

Nun rächt sich, dass selbst reiche Länder wie das unsrige auch noch den kleinsten Cent aus dem Gesundheitswesen heraussparen wollten. Jetzt ist auch der letzte Gesundheitspolitiker davon überzeugt, dass das Gesundheitssystem nicht primär ein Kostenfaktor ist, sondern ein unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge, für den der Staat garantieren muss. Und plötzlich ist alles anders: Nun soll Schutzausrüstung auch wieder in Deutschland produziert werden. Jetzt werden Krankenhaus- und insbesondere Intensivbetten ausgebaut – die gleichen übrigens, von denen man vor nicht allzu langer Zeit noch 600.000 reduzieren wollte. Und jetzt stellt man auch fest, dass Apotheken vor Ort einspringen, wenn etwas fehlt und damit dem Versandhandel um Welten überlegen sind – auf jeden Fall dann, wenn es um die Patienteninteressen geht!

Noch weiß niemand genau, wie lange COVID-19 die Welt im Griff hat. Klar scheint aber schon jetzt, dass sich nach der Pandemie einiges ändern muss. Wenn lebensnotwenige Arzneimittel ab Werk in Deutschland weniger kosten als eine Tüte Gummibärchen, dann kann dies kein Grund sein, Produktionen in weniger sichere, dafür aber deutlich billigere Länder zu verlagern. Hier muss wie auch bei der Produktion von Schutzausrüstungen einiges zurückgeholt werden. Deutschland braucht mehr Autarkie. Nicht nur bei der Landwirtschaft, sondern auch bei seinem Gesundheitssystem. Und Deutschland braucht wieder mehr Respekt vor den Menschen, die jetzt jeden Tag beweisen, dass ihre wirklich nicht üppig bezahlten Berufe ohne Frage systemrelevant sind. Das gilt für die VerkäuferInnen, Postzusteller und Müllwerker ebenso wie für die Krankenschwestern, Praxismitarbeiter und natürlich für die, die in den Apotheken tätig sind. Ohne diese Menschen liefe nämlich jetzt gar nichts. Das muss die künftige Wirtschafts- und Gesundheitspolitik berücksichtigen.

Bleibt zu hoffen, dass die Erinnerungen an die enormen Leistungen auch noch nach der Bedrohung durch COVID-19 wach bleiben. Da Globalisierung dazu jedenfalls keinen ausreichenden Beitrag leisten wird, muss die Politik dann lokal handeln!

Bettina Schwarz

 

(24.04.2020)
(Foto: Kim Schneider / Fotolia)